Rolf Kühn

Ruhe und Aufbruch. Erfahrung und Neugierde. Body and Soul.

Rolf Kühn findet solche Gegenpole extrem anziehend. Und so improvisiert und bewegt sich der 88-Jährige mit seinem Album „Yellow + Blue“ einmal mehr durch musikalisches Neuland. „Europas größter Klarinettenspieler und Freigeist“ (Jazzthetik) spielt auf seinem neuen MPS-Album Balladen und legendäre Love Songs, in die er innig eintaucht, denen er aber auch neue, ungehörte Töne entlockt. Denn eine sentimentale Rückschau ist nicht sein  Ding. In seinem neuen Quartett mit Pianist Frank Chastenier, Bassistin Lisa Wulff und Tupac Mantilla (Percussion & Bodypercussion) kontrastiert Rolf Kühn seine empfindsame Seite vielmehr mit ungebremster Experimentierlust. Der Titelsong „Yellow + Blue“, eines von fünf neuen Stücken, bringt beide Perspektiven auf den Punkt: Das Weiche, Zarte, die warme bluesige Klangfarbe Blau steht neben dem Grellem, dem impulsiv Leuchtenden. Und aus diesem Kontrast wird wiederum eine ganz neue musikalische Farbe.

 Im Leben gibt es irgendwie doch immer beide Seiten, aber am schönsten ist es, wenn sie einander sogar bereichern und fließend ineinander übergehen können, um etwas ganz Neues entstehen zu lassen.“ – Rolf Kühn

Der Klarinettist kann bei jedem der Titel, den er interpretiert, die Zeit der Entstehung noch mit eigenen Erinnerungen anfüllen. Gelebte Jazz-Geschichte. Die grenzenlose musikalische Neugier des 1929 in Köln geborenen Sohns eines Zirkusakrobaten wird von seinen an Jahren deutlich jüngeren Mitmusikern mit spürbarer Gegenliebe aufgenommen. Wie schon bei seinen letzten Einspielungen für das Label MPS/Edel („Stereo“, 2015 und „Spotlights“, 2016)  mit ihren fliegend wechselnden Konstellationen aus Duo, Trio oder Quartett entfaltet der zweifache ECHO-JAZZ-Preisträger auch diesmal wieder „große Musik in kleinen Besetzungen“ (WAZ) – und kreiert dabei überraschende Klangfarben und Instrumentierungen.

„Schon der erste Probentag war einfach purer Spaß für uns alle. Ich spüre sofort, ob im Studio die Chemie stimmt. Hier war es vom ersten Moment an ein Ideen-Austausch auf Augenhöhe, geprägt zugleich von einer ungewöhnlichen Vertrautheit“, schwärmt Kühn.

„Ein deutscher Jazzmusiker von Weltformat, das war und bleibt eine ganz rare Ausnahme. Der Klarinettist Rolf Kühn gehört zu dieser Königsklasse. Und auch in anderer Hinsicht zählt er zu den “Ausnahmekünstlern”: Wie keinem anderen gelang es ihm, auf seinem Instrument einen Ton zu entwickeln, der in unterschiedlichen Stilbezirken völlig unverwechselbar bleibt – warm, rund und vollendet. Man darf das Spiel von Rolf Kühn mit “Reife” bezeichnen. Er hat die gesamte Geschichte des Jazz assimiliert. […] Er war an der Seite von Benny Goodman zu hören, leitete zeitweilig sogar dessen Orchestra, und entwickelte, inspiriert von Buddy DeFranco, einen gänzlich eigenen, modernen Ausdruck auf der Klarinette. Rolf Kühn hat mit der Crème de la Crème des Jazzrock, mit Chick Corea, Dave Liebman, Michael und Randy Brecker, mit musikalischen Freigeistern wie Lee Konitz, Albert Mangelsdorff und Ornette Coleman gespielt und lässt sich vor diesem weit gespannten Erfahrungshorizont auch heute noch beständig auf neue Spielabenteuer ein. […]“ – Dr. Bert Noglik

Rolf Kühn, der für sein Lebenswerk mit der Ehrenurkunde des Preises der deutschen Schallplattenkritik und, gemeinsam mit seinem Bruder Joachim Kühn, mit dem Jazz-Echo-Preis ausgezeichnet wurde, verbindet in seinem Spiel Eleganz mit Wagemut und vitale Musizierfreude mit reifer Souveränität. 2016 wurde er erneut mit dem Jazz ECHO als bester Instrumentalist des Jahres national (woodwinds) ausgezeichnet, 2018 wird ihm mit Bruder Joachim die German Jazz Trophy für sein Lebenswerk verliehen.

Neben seiner Arbeit mit „Yellow + Blue“ ist Rolf Kühn auch in anderen Konstellationen zu hören, darunter das Sonderprojekt “Spotlights”, die mit dem 2016 erschienenen gleichnamigen Album eine weitere Wegmarke auf der musikalischen Reise Rolf Kühns setzte.

Hamilton de Holanda, die brasilianische Koryphäe des Bandolims, einer Variante der Mandoline, taucht Kühns Klarinette in südländisch anmutende Melancholie. Albrecht Mayer, internationaler Klassikstar und Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker, fasziniert mit seinem hochsensiblen Spiel und seinem großen Facettenreichtum. Asja Valčić, die herausragende kroatische Cellistin, beeindruckt durch klassische Virtuosität ebenso wie durch den Mut zur Improvisation, wenn sie mit Kühn fieberhaft durch die Noten rast. Christian Lillinger, der außergewöhnliche Schlagzeuger der Rolf Kühn Unit, bringt seinen wilden Groove mit ins Spiel und setzt – genau wie der Berliner Bassist Oliver Potratz – spannungsreiche dynamische Akzente. Ed Motta, schwergewichtiger brasilianischer Sänger und Megastar in seiner Heimat, lässt den Bariton klingen wie einen Synthesizer mit Spannungsschwankungen, haucht und scattet hallende Wortfetzen in Kühns Kompositionen. Und als wäre das nicht längst genug, wirft auch Rolfs berühmter jüngerer Bruder, der Pianist Joachim Kühn sein unverkennbares Spiel, seine rhythmische Seele mit in die Waagschale.

Eine musikalisch symbiotische Beziehung spannt sich auch zwischen drei exzellenten Musikern der Berliner Jazzszene und dem erfahrenen Rolf Kühn auf – Gitarrist Ronny Graupe, Bassist Johannes Fink und der Schlagzeuger Christian Lillinger sind im Verbund mit dem Klarinettisten die “Rolf Kühn Unit”. In improvisatorischer Manier geben und nehmen die Beteiligten, die Jüngeren zehren vom gestandenen Facettenreichtum des Altmeisters, während sich dieser den frischen Wind der jungen Inspiration aufgreift. Damit plädiert die “Rolf Kühn Unit” nicht nur für die Idee des generationenübergreifenden Jazz, sondern liefert auch gleich die Referenz dazu.

Mit seinem Bruder Joachim Kühn unterhält Rolf Kühn auch ein erfolgreiches Duo. Während sich der ältere Bruder in den Staaten mit den Besten der Besten maß, verließ auch Joachim Kühn seine Heimat Leipzig und stationierte in Frankreich, den USA und pendelt heute zwischen Paris und Ibiza. Beide haben sich nie auf ihren (reichlich eingesammelten) Lorbeeren ausgeruht, sondern immer neue musikalische Herausforderungen gesucht.

In 2012 veröffentlichten sie auf Impulse! Records das gemeinsame Album “Lifelines”, das in die Bestenliste des Preis der Deutschen Schallplattenkritik aufgenommen wurde. Auf dem mit Bassist John Patitucci und Drummer Brian Blade eingespielten Album zogen sie eine Art musikalische Lebensbilanz und knüpften zugleich an das Album „Impressions Of New York” an, das sie 1967 mit Bassist Jimmy Garrison und Schlagzeuger Aldo Romano ebenfalls – als erste deutsche Musiker! – für das legendäre Coltrane-Label aufgenommen hatten.

“Auch wenn sich die Lebenswege der Brüder zeitweilig trennten, kam es doch immer wieder zu fruchtbaren Begegnungen zwischen Rolf Kühn und seinem 15 Jahre jüngeren Bruder Joachim. In ihren außergewöhnlichen Karrieren spiegelt sich die deutsche und internationale Jazzentwicklung in besonderem Maße wieder.”
– Jury der German Jazz Trophy

Mit der improvisationsfreudigen kroatischen Cellistin Asja Valčić und Amoy Ribas, Ausnahme-Perkussionist aus Brasilien, agieren zwei wesensverwandte Freigeister an der Seite des deutschen Jazz-Maestros, wenn sie als „Rolf Kühn feat. Asja Valčić & Amoy Ribas “ vor das Publikum treten. Die in Wien lebende Cellistin und Mitbegründerin des „Non classical“ radio.string.quartet. Asja Valčić, ist eine klassisch geschulte „Musikerin, die sich den Jazz in ungewöhnlicher Vitalität angeeignet hat“ (The Guardian). Sie beherrscht es, zart, betörend und kammermusikalisch intim zu streichen. Zugleich schwingt eine temperamentvolle Balkan-Note mit, wenn sie ihr Instrument wie einen Bass zupft und ihre Hände mit größter rhythmischer Raffinesse über die Saiten fliegen.

Genau wie Asja Valčić ist auch der Brasilianer Amoy Ribas ein wagemutiger Musiker, den es beflügelt, sein Klangspektrum neugierig zu erweitern. Die Trommelkünste, die er schon im Zusammenspiel mit so unterschiedlichen Musikern wie Hermeto Pascoal oder Richard Galliano gezeigt hat, sind perkussiv mitreißend, formen aber auch Sounds voller Unschuld und melodiöser Sogkraft. „Ein Musiker, der stark in der Tradition unseres Landes verwurzelt ist, aber zugleich in die Zukunft strahlt. Amoys Spiel hat Frische, Schönheit, Sensibilität und Rasse“, so der brasilianische Gitarrist Guinga über seinen Kollegen.

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