LEVITATION by Tobias Preisig & Stefan Rusconi

“Ein wirklich großer Wurf gelingt dem Schweizer Duo, bestehend aus Tastenvirtuose Stefan Rusconi und Teufelsgeiger Tobias Preisig, mit ihrem neuen Album Levitation. Die gotische Kirche Saint-Etienne in Cully, in der Nähe des Genfer Sees, diente den beiden Instrumentalisten dabei als Geburts- und Austragungsort ihrer fünftägigen musikalischen voyage fantastique, deren Essenz schließlich in vorliegendem Pretiosum mündete. Gefühlvoll konkret, einladend ausladend und hochbedacht spielen und arrangieren sich Rusconi und Preisig in alle Ecken und Kanten besagten alten frankohelvetischen Christentempels und generieren im Zuge dessen Klanglandschaften, die über jegliche Genrebegriffe erhaben erscheinen. Freischwebend zwischen großer Geste und intimem Dialog, entführen Preisig und Rusconi den großohrigen Hörer auf eine Achterbahnfahrt anthropologischer Selbstreflexion im Angesicht der einstmals göttlich imaginierten Imposanz des Etienne’schen Sakralbaus. Das Ergebnis ist eine sanfte Tour de Force zwischen dystopischen Oasen, seelischen Blumenwiesen, sinisterer Gnade und wohlwollender Unbarmherzigkeit, unfassbar ideenreich und zumeist einfach nur wunderschön. Fesselnde säkulare Orgelmusik, die weiß, wo sie herkommt (nämlich aus der Zeremonie), aber überall hin will und erstmal ihresgleichen sucht. Wohl das Frischeste, das seit langem aus einer Kirche gekommen ist.” freiStil 2016

Zum Reinhören: LEVITATION – Soundcloud

Die Kirche als Ort zieht einen in Bann, ob kleine Dorfkirche oder Notre Dame, ob man als Tourist, Gläubiger oder Ketzer diese betritt. Das Gefühl der Ergriffenheit verstärkt sich, wenn auf einmal die Orgel laut und stark erklingt und das Gebäude erfüllt: Eine Art der Verzauberung wird spürbar – faszinierend, mächtig und auch bedrohlich. Der zweifache Echo Jazz Gewinner Stefan Rusconi (org) und Tobias Preisig (vio) haben ebenfalls eine Kirche betreten und sich von dem Ort inspirieren und überwältigen lassen. In einer 5 Nächte dauernden Aufnahmesession ist ein neuer, ganz anderer musikalischer Zauber entstanden, der geheime Räume öffnet und Zeit spürbar dehnt. Auf ihrer Platte „Levitation” bauen sich die Klänge langsam, beinahe vorsichtig, auf: ein intim wirkendes Zusammenspiel von Orgel und Geige entsteht, detailreich und organisch im wahrsten Sinne des Wortes und zugleich hörbar kraftvoll. Durch aufwendige Mikrophonierung  wird das Innerste der Instrumente nach außen gekehrt, ohne dass diese sich selbst und ihre Vertrautheit verlieren. Die oftmals leise gespielte Geige wird durch die mit zusätzlichem Hall versehene installierte Verstärkung seltsam übergross und bekommt eine faszinierend klare Haltung.

Vor dem inneren Augen entstehen Bilder aus alten, magisch verhexten Stummfilmsequenzen. Gedanken an eine Kinoorgel, die sich am Klangbild der romantischen Orgel orientierte, sind nicht fern. Doch diese berückende Vorstellungswelt wird dabei immer wieder gekonnt gebrochen durch experimentelle Klänge, elektronische Versatzstücke werden eingebaut und verleiten die Instrumente musikalische Weiten auszuloten. So mag sich der Hörer erinnert fühlen an Ligetis „Atmosphères“ ebenso wie an Klangteppiche à la Pink Floyd, fest steht, dass Rusconi und Preisig hier etwas genreüber­greifendes geschaffen haben. Bezaubernd weltliche Orgelmusik, die ihren Entstehungsort – die Kirche – nicht vergisst, sondern vielmehr neu interpretiert.

„Music is my religion“  – Jimi Hendrix

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