Emel Mathlouthi

“Das gibt es wirklich: dass man Musik zu verstehen glaubt, obwohl man der Sprache nicht mächtig ist, die sie transportiert. Emel Mathlouthi beispielsweise kommt aus Tunesien, singt auf Arabisch und tut das so inspiriert und intensiv, dass man den Eindruck hat, es ginge um ihr Überleben. Zu den Sanftheitselogen von Gitarre, Geige, Percussion und ein bisschen Elektronik interpretiert sie die Rolle der Frau im weißen Sommerkleid sehr entschieden – nämlich mit gefletschten Zähnen. Ein starker, verstörender Auftritt zum Auftakt des Sommerfestivals der Kulturen auf dem Stuttgarter Marktplatz.”
– STUTTGARTER ZEITUNG

Das zweite Album der tunesischen Sängerin/Songwriterin Emel Mathlouthi weist über das Genre der „World Music“ weit hinaus. Auf „Ensen“ findet sich Electronica, Tunesische folk music, Trip-Hop und Arabische Elemente als klangliche Entsprechung für ihre kompromisslosen, politischen Botschaften.

Die tunesische Sängerin/Songwriterin Emel Mathlouthi ist im autokratischen, korrupten Tunesien aufgewachsen. Aufgrund ihres Engagements für die tunesische Revolution (2010/2011) und ihrer Texte gegen die Ungerechtigkeiten ihres Landes wurde sie zu einer prominenten musikalischen Stimme des Arabischen Frühlings und als „die Stimme der Jasmin-Revolution“ bezeichnet.

Nicht zuletzt wegen ihres politischen Engagements wurde sie 2015 zur Nobel-Preis-Verleihung als musikalischer Gast nach Norwegen eingeladen. Auch trat sie im Vorprogramm von Dead Can Dance auf. Ihre Popularität in Tunesien blieb nicht ohne offizielles Echo. Das Radio und Fernsehen durften ihre Songs nicht mehr spielen, als Konsequenz wanderte Emel Mathlouthi nach Frankreich aus. Heute lebt sie hauptsächlich in Paris oder New York und singt immer noch ihre Wahrheit.

Ihr erstes Studio-Album „Kelmti Horra“ nahm sie 2012 auf. Der Titel des Werkes bedeutet „Mein Wort ist frei“.

Das neue Album „Ensen“ – mit der Unterstützung des Labels Partisan realisiert – ist ein gewaltiger musikalischer Sprung nach vorne und weist über das Genre der „World Music“ weit hinaus.

Auf „Ensen“ findet sich Electronica, Tunesische folk music, Trip-Hop und Arabische Elemente und es scheint ganz so, als habe Emel Mathlouthi die klangliche Entsprechung für ihre kompromisslosen Botschaften gefunden. So wie Emel sich von diversen Fesseln löste – von den politischen Beschränkungen ihrer tunesischen Heimat, von den klassischen Produktionsbedingungen der Musikindustrie – so hat sie sich von gängigen musikalischen Formeln bereits mit ihrem zweiten Album befreit.

Emel selbst betont gerne den Aspekt der „modernen Electronica“, wenn sie über „Ensen“ spricht. Die vielschichtigen Perkussion-Sounds sind fesselnd, die Produktion ist hyper-modern, Emels Stimme nichts weniger eine Offenbarung. Zudem finden ihre nordafrikanischen musikalischen Wurzeln einen wunderbaren Platz in den Kompositionen. Doch das Resultat – einmal mehr – ist weit mehr als die Summe der einzelnen Teile.

Also politische Künstlerin setzt sie bei „Ensen“ den Akzent auf den Feminismus. Emel beschreibt ihre Erfahrung: „Jeder nimmt automatisch an, dass hinter einer weiblichen Künstlerin ein Mann die Strippen zieht – sei es bei den Aufnahmen, sei es bei der künstlerischen Gestaltung. Ich musste unglaubliche Macho-Attitüden überwinden um dieses Album zu realisieren. Daher hoffe ich sehr, dass das Publikum mit „Ensen“ daran erinnert wird, dass Frauen täglich schöpferisch tätig sind. Es ist aber auch Ausdruck der Tatsache, dass es Kraft kostet dies durchzuziehen!“.

Emels Stimme hat einen unglaublich weit-gefächerten Ausdruck und sie kann die Tonlagen virtuos ändern. Selbst meint sie: „Ich singe ein Lied nie auf die gleiche Weise. Ich gehe da immer sehr frei mit meinem Gesang um. Schlussendlich bin ich kein klassischer Studio-Künstler, sondern eher ein Performer, der die Bühne liebt. So bekommen meine Songs ein zweites, eigenständiges Leben, sobald die Aufnahmen abgeschlossen sind. Es ist sicherlich nicht immer ganz leicht für meine Musiker, sich den Wandlungen anzupassen, wenn ich Improvisiere“. Von diesem Talent wird man sich 2017 auch auf deutschen Bühnen einen Eindruck verschaffen können.

Künstler wie Ben Frost oder James Blake nennt sie aktuell als große Quelle der Inspiration. So gewann sie für die Produktion von „Ensen“ unter anderem den Komponisten und Produzenten Valgeir Sigurðsson, der das Label Bedroom Communities unterhält. Dort veröffentlicht Ben Frost ein Teil seiner Werke. Darüber hinaus hat Valgeir Sigurðsson bereits mit Künstlern wie Björk, Sigur Ros, CocoRosie, Damon Albarn, Feist, Kronos Quartet, Nico Muhly, Kate Nash und Camille zusammengearbeitet. Zweiter Produzent ist der französisch-tunesische Musiker Amine Metani. So entstanden die Aufnahmen zu Ensen in sieben verschiedenen Ländern, diese auf zwei Kontinente verteilt. Den Arbeitsprozess beschreibt Emel so:

„Zuerst nahmen wir akustische Takes der Songs auf. Dabei verwendeten wir auch viele nordafrikanische Drums. Als einen zweiten Schritt fügten wir jede Menge Percussion-Klänge hinzu. Erst dann nahmen wir die ursprünglichen Aufnahmen und unterzogen sie den modernen Produktions-Schritten. Aber schon ganz zu Beginn erzeugten wir rhythmische Klänge, wie ich sie vorher noch nie gehört habe!“

Links:
Emel Mathlouthi Offizielle Webseite
Emel Mathlouthi – YouTube
Emel Mathlouthi – Facebook
Emel Mathlouthi – Instagram
Emel Mathlouthi – Twitter
Pitchfork.com Interview

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